Ein Blick auf Affinity Photo

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Affinity Photo ist im Sommer 2015 für OS-X erschienen, und liegt mittlerweile in der Version 1.4.3 vor. Die Version 1.5 steht bereits in der Startlöchern, und bringt eine Menge Neuerungen mit. Wer mag kann sich die aktuellste Beta hier mal anschauen. Zukünftig wird auch das Microsoft Windows Betriebssystem unterstützt. Ich arbeite seit der ersten öffentlichen Beta für OS-X mit diesem Programm, und war sofort begeistert, was auch daran liegt das ich ein Herz für Underdogs habe :-) Die Liste der Features ist lang,…der durchschnittliche Photoshop-Benutzer wird nichts, und Poweruser kaum etwas vermissen. Eine Auflistung will ich mir hier sparen und verweise auf folgendes Video:

Affinity Photo richtet sich ganz gezielt an Profis, was nicht zuletzt durch 16Bit Farbtiefe, und Farbmanagement unterstrichen wird. Wer Photoshop kennt wird sich sofort heimisch fühlen. Die Anordnung der Benutzeroberfläche orientiert sich am Marktführer, und sogar die meisten Shortcuts funktionieren wie gewohnt. Auf kleinere Unterschiede in der Handhabung stellt man sich schnell und gerne ein. Einzig der Begriff Persona erscheint einem zunächst ungewohnt. So bezeichnet Serif Arbeitsbereiche. Davon gibt es mittlerweile fünf:

  • Photo Persona — Bildbearbeitung
  • Liquify Persona — Verflüssigen
  • Develop Persona — RAW Entwicklung
  • Tone-Mapping Persona — wie der Name schon sagt
  • Export Persona — Exporte flexibel organisieren

Das Konzept der Personas halte ich für nicht so gelungen. Photo und Develop-Persona gehen noch in Ordnung, aber die Liquify-, Develop-, und Tone-Mapping Personas hätte ich gerne als Einstellungsebene oder Filter gesehen. Es wäre schön wenn man zum Beispiel immer wieder zur RAW Entwicklung zurückkehren könnte um nachträglich noch Einstellungen zu machen und zu verändern. Klar kann man wieder in die Develop-Persona wechseln, aber alle Regler stehen dann wieder auf null. Das der Export-Dialog nicht im “Speichern” bzw. “Speichern unter…” Dialog angesiedelt oder darüber erreichbar ist, sondern extra aufgerufen werden muss halte ich auch nicht gerade für die ergonomisch beste Lösung.

Affinity-Photo hat (noch) keine Bildverwaltung — das entsprechende Gegenstück in der Adobe Welt wäre Bridge, in Lightroom das Bibliotheks-Modul, oder allgemein ein digitales Asset Management, abgekürzt DAM. Wäre schön wenn so etwas später auch noch Einzug halten würde. Über einige der Neuerungen für die Version 1.5 gibt das folgende Video Auskunft.

Die Photo-Persona

Das Herzstück von Affinity-Photo ist für mich die Photo Persona. Hier findet der Bildbearbeiter alles was sein Herz begehrt. Alle meine Photoshop-Dateien (CS 5.1) die ich bis jetzt getestet habe lassen sich anstandslos öffnen. Danach kann man sofort loslegen. Nach der Bearbeitung mit den prima funktionierenden Werkzeugen wird die Datei im Affinity eigenen Format geschrieben, was sinnvoll ist da sonst die hinzugefügten Eigenschaften verloren gehen.

In Affinity-Foto ist (fast) alles ein Objekt. Anpassungen werden als Einstellungsebene hinzugefügt, die beliebig in der Ebenenpalette verschoben werden können. Auf Ebenen lassen sich mehrere Effekte gleichzeitig  anwenden, was durch ein fx Symbol rechts an der Ebene signalisiert wird. Alle Änderungen werden – ganz ohne winzige Vorschaufenster – sofort im Bild sichtbar. Es können mehrere Maskierungsebenen zu einer Ebene angelegt  werden, und so weiter und so fort. Der Pinsel arbeitet noch nicht so geschmeidig wie ich das von Photoshop gewöhnt bin, andere Werkzeuge wie das inhaltsbasierte Füllen oder der Restaurierpinsel  empfinde ich sogar besser gelöst als bei Photoshop. Ich wünsche mir deshalb an dieser Stelle ganz dringend das Serif nicht nur neue Features hinzufügt sondern auch bestehende Werkzeuge korrigiert und optimiert.

Ein Workflow mit Lightroom

Wenn man keinen RAW Entwickler hat ist die Develop-Persona ein brauchbarer Einstieg. Mein Workflow beginnt allerdings in Lightroom oder Capture One 9, und endet im Bibliotheks-Modul von Lightroom. Dazwischen verwende ich Affinity-Photo für Composings oder aufwändigere Retuschen, also immer dann, wenn Lightroom oder Capture One an ihre Grenzen stoßen. Die Develop-Persona benutze ich nicht. Der größte Nachteil für mich ist, das sie (derzeit noch) nicht als “Smartes-Objekt” arbeitet. Man kann zwar nach einer Entwicklung  jederzeit zur Develop-Persona zurück kehren und die Datei erneut entwickeln, aber die ursprünglichen Änderungen sind dann nicht mehr ab- bzw. aufrufbar. Wenn man der Gerüchteküche glauben darf hat Serif etwas besseres als Smart-Objects in Arbeit. Mein Wunsch wäre das es an dieser Stelle zum Einsatz kommt.

Der Übergang zwischen Lightroom und Affintiy-Photo ist möglich, gestaltet sich nicht ganz ohne Barrieren, da das Affinity eigene Format selbstverständlich nicht von Lightroom unterstützt wird. Man kann ein Foto wie in LR üblich mit LR-Anpassungen als PSD oder TIFF übergeben.

Affinity-Photo als externer Editor mit Dateiformat TIFF  - was nicht die cleverste Wahl ist...

Affinity-Photo als externer Editor mit Dateiformat TIFF  — was nicht die cleverste Wahl ist wie wir noch sehen werden…

Das bearbeite ich dann in Affinity-Photo und speichere es an der selben Stelle im Filesystem einmal als afphoto, sowie als PSD/TIFF-Export, wobei dann die vorher von LR erzeugte Datei überschrieben wird. Änderungen an der Datei erkennt LR, und aktualisiert seine Ansicht automatisch. Die RAW-Quelldatei versehe ich im LR-Katalog mit einem ‘Affinity-Export’ Tag, und das PSD/TIFF als ‘Affinity-Import’, als Hinweis auf die Quelle. Wenn ich das PSD/TIFF bearbeiten will, sehe ich das Affinity-Import Tag und weiß, ich muss in den Finder wechseln um die afphoto-Datei zu bearbeiten. Nicht sehr elegant aber für mich derzeit der beste Weg.

Die Verwendung des TIFF Formates hat allerdings einen Pferdefuß. Lightroom erzeugt eine TIFF-Datei mit einem .TIF Suffix, während Affinity Foto die Datei zwingend mit einem .TIFF Suffix schreibt. So hat man auf einmal zwei Dateien nebeneinander liegen, wo man doch eigentlich gerne die eine durch die andere überschreiben wollte. Das ist ärgerlich, oder auch schlicht und ergreifend doof, und der Grund warum ich dann doch mit PSD arbeite.

Hier verstehen sich Affinity und Lightroom nicht. TIF und TIFF stehen einmütig nebeneinander, statt das die Datei überschrieben wird.

Hier verstehen sich Affinity-Photo und Lightroom nicht. TIF und TIFF stehen einmütig untereinander, statt das die Datei überschrieben wird.

Lizenzmodell und mehr

Das gute an Affinity-Photo ist das Preismodell, das ganz ohne Abonnement auskommt. Der eigentliche Knaller ist aber, das Serif hier nicht ein Einzelprogamm abliefert, sondern mit weiteren Programmen eine ganze Suit, bestehend aus Affinity-Designer, Affinity-Photo und demnächst auch Affinity-Publisher, die es einzeln zu kaufen gibt. Damit bietet Serif eine prima Alternative für alle Grafikdesigner die bis vor kurzem noch mit der Creativen Suit von Adobe, bestehend aus Photoshop/Camera-Raw, Illustrator und Indesign, gearbeitet haben. Alle Anwendungen wirken wie aus einem Guss,  bedienen sich gleich und können Daten untereinander tauschen, was den Workflow ungemein erleichtert.

Fazit

Die Anwendungen sind  recht neu auf dem Markt, aber bereits verblüffend ausgereift. Adobe hat bei Photoshop 25 Jahre Vorsprung in der Entwicklung — das kann man nicht weg diskutieren — schleppt aber auch entsprechend Altlasten mit sich herum. Serif hingegen nutzt die Gelegenheit vieles neu zu denken und auf moderne Anforderungen hin zu zuschneiden. Das merkt man an jeder Ecke, zum Beispiel am inhaltsbasierten Füllen, das sich bei Affinity recht zuverlässig mit einem einfachen Pinsel erledigen lässt, während in Photoshop viele Klicks und ein Dialog nötig ist, bei nicht ganz so guten Ergebnissen.

Was Serif an den Start gebracht hat ist schon beeindruckend, und wird ja auch mit jedem neuen Release um Funktionen erweitert und fehlerkorrigiert. Flankiert wird die Software von sehr guten Video-Tutorials und einer regen Community. Für den Preis lohnt es sich auf jeden Fall  die App(s) mal aus zu probieren. Wer einen eingeschliffenen Photoshop-Workflow hat, und sich im Adobe Biotop wohl fühlt, wird sicher nicht zu Affinity wechseln wollen. Photoshop umgibt halt auch der Nimbus DIE Profisoftware zu sein. Daran wird Serif auch in nächster Zeit nicht kratzen können, aber Konkurrenz belebt das Geschäft und wir werden sehen was die Zukunft bringt. Ich hab mit beiden Applikationen Spaß.

 

Ps. Dieser Artikel habe ich für kwerfeldein geschrieben, und dort auch zuerst publiziert. Das hier ist eine leicht erweiterte/aktualisierte Version

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